Alois Finke (21.06.1954 – 03.06.2021)

Am 03.06. ist Alois plötzlich und völlig unerwartet gestorben.

Er wurde tot in seiner Wohnung gefunden, nachdem Freund*innen und Familie vergeblich versucht hatten, ihn zu erreichen.

Schockiert von dieser Nachricht fällt es noch unsagbar schwer, seinen Tod als Realität zu akzeptieren. Wir verlieren einen Freund, ehemaligen Kollegen, einen langjährigen Vertrauten und wichtigen Impulsgeber sowie einen verlässlichen, engagierten und langjährigen Weggefährten in politischen, sozialen, kirchlichen und kulturellen Gruppen und Initiativen.

Im münsterländischen Heiden in einem bäuerlichen Familienbetrieb groß geworden, legte er im bischöflichen Knabenkonvikt Collegium Johanneum in Ostbevern bei Münster sein Abitur ab, studierte in Bonn Lehramt für Germanistik und Kunstwissenschaft und mit drittem Fach katholische Theologie. Durch Fachschaftsarbeit, Kirche von unten und Friedensbewegung politisiert kam Alois dann 1982 in die Jugendakademie als theologischer Referent.

Als Alois seine Arbeit in der Jugendakademie begann, war Alex Groß noch Leiter der Jugendakademie und Christa Fußhöller Haus- und Verwaltungsleiterin. Alois teilte sich zunächst mit Peter Rottländer und dann mit Martin Singe als theologischer Referent in den ersten Jahren die Stelle.

Alois ist in ein Bildungshaus hineingewachsen, das geprägt war von einem Leiter, dessen Familiengeschichte unmittelbar verbunden war mit dem Spannungsverhältnis von Kirche und NS-Staat, mit Fragen von Widerstand und Anpassung, mit einem fast natürlichen Engagement bei der „Kirche von unten“, bei Pax Christi, aktiv im konziliaren Prozess und aktiver Solidaritätsarbeit.

Er hat in den 36 Jahren als Mitglied des Leitungsteams die Geschicke des Hauses maßgeblich mitbestimmt und durch seinen kritischen Geist in politischen, bildungs- und kirchenpolitischen sowie befreiungstheologischen Fragen mitgeprägt.

Dabei waren sein Blick und seine Haltung nicht nur kritisch, sondern vor allem auch von Gerechtigkeit, Solidarität und der Hoffnung auf das Reich Gottes bestimmt.

Alois war vielfältig interessiert, literarisch gebildet, natürlich in Kunstgeschichte, aber auch in Gartenkultur und Musik. Er war Naturliebhaber, Fernseh- und Autoabstinenzler, Liebhaber einer gediegenen Küche und Kenner der niederländischen Geschichte und der italienischen Geographie, Chormitglied, kritischer Christ und Mitglied der katholischen Kirche, was zu betonen ist, weil es biographisch viele Gründe gegeben hätte, sich zu distanzieren.

Alois war engagiert bei Pax Christi, dem südafrikanischen Projekt Hokisa und anderen sozialen Bewegungen.

Die Jugendakademie verliert mit Alois auch das Gedächtnis des Hauses, denn niemand wusste so viel über die Geschichte des Hauses wie er.

Alois hat die traditionellen Osterseminare in der Jugendakademie über all die Jahre mitgeleitet und als Mitglied im Liturgiekreis die Ostergemeinde spirituell bereichert.

In der Gestaltung dieser Tage zeigte sich sein Bildungs- und Glaubensverständnis am deutlichsten: Nicht priesterzentriert, antihierarchisch, dem Frieden und der Gerechtigkeit verpflichtet, orientiert an einem „guten Leben für alle“ und an der Gewaltfreiheit Jesu. Das konnte für ihn nichts anderes bedeuten, als sich immer wieder gegen Unrechtsstrukturen einzusetzen und für Gerechtigkeit einzustehen. Er bezog Stellung zu Themen, die Solidarität statt Diskriminierung und Ausgrenzung erforderten, Gerechtigkeit statt Konkurrenz und Ausbeutung, Vielfalt statt Vereinheitlichung, Abgrenzung, Nationalismus und rassistischer Sprache.

Mit Alois verlieren wir einen wachen Geist, ein offenes Herz und eine zuversichtliche Grundstimmung.

Er war jemand mit einem politischen, einem inhaltlichen Anliegen und diesen Anspruch hat er auch gegenüber den vielen Honorarreferent*innen und Kolleg*innen in den vielen Jahren seiner Arbeit in der Jugendakademie immer wieder vertreten.

Seine tiefe Überzeugung, dass es das Projekt „Jugendakademie“ geben muss, hat allen den Rücken gestärkt in den vielen Krisen, die die Verantwortlichen in den letzten Jahrzehnten meistern mussten.

In der Präambel zur Satzung der Jugendakademie steht, dass die aktuelle Gestaltung der Arbeit, der Geist der Jugendakademie, immer wieder neu entwickelt werden muss. Hierzu hat Alois beigetragen, indem er immer wieder eine Brücke geschlagen hat aus der Geschichte heraus in die heutige Zeit. Er hat diesen Geist der Jugendakademie besonders geprägt, zuletzt durch seine Übertragung der Befreiungspädagogik Paolo Freires in den Kontext des Demokratielernens und des gesellschaftlichen Partizipierens von allen Menschen, auch von denen, die ausgegrenzt und benachteiligt sind. Für diese Impulse und zuletzt für sein Engagement im Trägerverein der Jugendakademie sind wir ihm sehr dankbar und nehmen es als Vermächtnis, in seinem Sinne daran weiterzuarbeiten.

Wenn der Schock einer Annahme seines Todes weicht, werden wir den Verlust noch deutlicher spüren und den Geist der Jugendakademie mit seinen Impulsen in unseren Gedanken weiterentwickeln.

Reinhard Griep

 

Für den Vorstand der Jugendakademie Walberberg e.V. und das Leitungsteam der Jugendakademie

 

 

Alois Finke
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